„Was für ein Wahnsinns-Ding!“ – In Erlangen bot der nanoTruck der Nanotechnologie eine attraktive Bühne

Manchem Besucher verschlug es beim Anblick des lichttechnisch aufwändig in Szene gesetzten Roadshow-Trucks, der vor dem Medical Valley Center in Erlangen Halt gemacht hatte, fast die Sprache. Zum fünften Mal war die Initiative „nanoTruck – Treffpunkt Nanowelten“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) am 19. Oktober 2013 eines der Programm-Highlights bei der Langen Nacht der Wissenschaften im Städtedreieck Nürnberg-Fürth-Erlangen.
Beim Jobtalk im Hörsaal des Medical Valley Centers informierten Experten über das "Karriereziel Nanotechnologie".Beim Jobtalk im Hörsaal des Medical Valley Centers informierten Experten über das "Karriereziel Nanotechnologie".

Großes Interesse an Naturwissenschaften

Über 30.000 Besucherinnen und Besucher  zog die diesjährige Lange Nacht der Wissenschaften an, die mit offenen Türen an mehr als 130 Orten lockte. Umgerechnet jeder zwölfte unter ihnen warf auch einen Blick in den nanoTruck – so besuchten im Laufe des Abends mehr als 2.600 „Nachtschwärmer“ die doppelstöckige Ausstellungs- und Erlebniswelt des BMBF. „Hier spürt man, dass die Nanotechnologie die Menschen beschäftigt und dass der nanoTruck diesem Thema die nötige Aufmerksamkeit verschafft“, freute sich Dr. Andreas Jungbluth, wissenschaftlicher Projektleiter der BMBF-Initiative.

Die Aufmerksamkeit der Erlangener Öffentlichkeit wussten die Initiatoren des „Treffpunkt Nanowelten“ und deren Gastgeber zu nutzen und machten dem interessierten Publikum erstmals auch außerhalb der eigentlichen Ausstellung im nanoTruck ein interessantes Angebot: Bei einem Jobtalk im großen Hörsaal des Medical Valley Centers ging es unter dem Motto „Karriereziel Nanotechnologie“ speziell um die Ausbildungs- und Studienwege in eine der großen Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Spannende Informationen aus erster Hand lieferte dazu der renommierte Erlanger Nanowissenschaftler Prof. Christoph Alexiou, der zusammen mit zwei seiner Teammitglieder die Gesprächsrunde für interessierte Studienanfänger und solche, die es werden wollen, bereicherte. Perfekt in die Expertenrunde passte auch die Molekularbiologin Dr. Simone Reiprich, die interessante Einblicke in ihren Forscheralltag bot und  der Frage nachging, welche neuen Anwendungsmöglichkeiten sich durch Innovationen in der Medizintechnik ergeben.

Vom Arbeitsalltag eines Nanoforschers

Prof. Alexiou, Inhaber des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Nanomedizin, berichtete von den beeindruckenden Möglichkeiten, die der Einsatz der Nanotechnologie in der Krebstherapie bietet. Bei dem von ihm verantworteten Forschungsprojekt sind es magnetische Nanopartikel aus Eisenoxid, welche in der Funktion eines „Taxis“ die Wirkstoffe ohne Umwege direkt zum Tumor transportieren und somit eine gezielte und zugleich weitgehend nebenwirkungsarme Behandlung möglich machen. Dr. Simone Reiprich, seit drei Jahren als Postdoc am Institut für Biochemie der Universität Erlangen-Nürnberg tätig, weckte die Neugier der Zuhörerinnen und Zuhörer mit Berichten aus ihrem eigenen Forscheralltag. „Man hat die Chance, Dinge zu sehen, die so noch nie jemand zuvor gesehen hat“, so die junge Wissenschaftlerin, die gleichzeitig von einem gewissen Maß an „Frustrationstoleranz“ sprach, die eine Forscherkarriere erfordere. Gerade in den Naturwissenschaften würden viele Versuche nicht auf Anhieb funktionieren und es bräuchte oftmals mehrere Anläufe. Dies konnte Harald Unterweger aus eigener Erfahrung bestätigen. Der Nanotechnologie-Student, der aktuell seine Masterarbeit über die Synthese von Nanopartikeln verfasst, betonte aber, dass sich die mühevolle Kleinarbeit letztlich immer auszahlt. „Die Naturwissenschaften bleiben nie auf der Stelle stehen, sondern entwickeln sich stetig weiter“ und insbesondere „die Nanotechnologie besitzt die Möglichkeit, viele Branchen zu revolutionieren“, betonte Unterweger euphorisch. Dass der Weg in die Nanotechnologie nicht zwingend über ein Studium laufen muss, bewies Eveline Schreiber als vierte Diskutantin auf dem Podium. Die gelernte Chemielaborantin, die im Team von Prof. Alexiou als leitende technische Assistentin arbeitet, sprach über ihren beruflichen Werdegang und ihre Faszination für Naturwissenschaften, die ihr garantiere, „Neues zu entdecken und auszuprobieren“.

Wohin mit den Nanopartikeln?

Rund 80 neugierige Zuhörer hatten den Hörsaal gut gefüllt und belebten die Diskussion mit zahlreichen eigenen Fragen, so dass sich die 45-minütige Veranstaltung als sehr kurzweilig, aber dennoch hochinteressant erwies. Großer Wissensbedarf bestand vor allem an den Hintergründen der Forschung von Prof. Alexiou. Ein Zuhörer wollte etwa wissen, wie die magnetischen Nanopartikel eigentlich hergestellt werden, ein weiterer, wie man sicher sein könne, dass die Wirkstoffe tatsächlich nur in die erkrankte Körperregion transportiert werden würden. Dabei blieb auch Raum für kritische Nachfragen, etwa jene nach dem Verbleib der Nanopartikel im Anschluss an die Behandlung: „Was passiert denn mit den Teilchen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden?“, fragte eine Dame aus dem Publikum etwas verunsichert. Als Prof. Alexiou an dieser Stelle beherzt nach dem Mikrofon griff, wurde deutlich, dass es genau solche Sorgen sind, die auch ihn als Forscher und praktizierenden Arzt bewegen: „Das ist eine sehr spannende Frage“, bedankte sich der Wissenschaftler, um sogleich mit der passenden Erklärung fortzufahren: „Jeder Mensch hat in der Summe etwa 1 Gramm Eisen in seinem Körper, das sich vor allem auf die roten Blutkörperchen verteilt. Wenn wir nun im Zuge einer Behandlung magnetische Eisenoxid-Partikel in den Körper einbringen, so gehen diese, nachdem sie ihre Wirkstoffe abgesetzt haben und nicht mehr durch ein Magnetfeld gebunden sind, in den normalen Stoffwechselkreislauf über.“ Der Großteil der Partikel werde über Leber und Niere wieder aus dem Körper ausgeschieden, ein kleinerer Anteil verbleibe jedoch als natürliches „Recycling-Produkt“ im Körper des Patienten und werde in neuer Funktion weiterverwendet, so Alexiou.

Im Anschluss an den Jobtalk sprach Dr. Andreas Jungbluth allen Gästen und Diskutanten noch eine Einladung zu persönlichen Gesprächen und individuellen Rundgängen mit den projektbegleitenden Wissenschaftlern Alexander Heusel und Marco Kollecker aus, der viele Jobtalk-Teilnehmer und Zuhörer gerne nachkamen.

  • In diesem Jahr stand der nanoTruck am Erlanger Medical Valley Center, das viele Start-Ups aus der Medizintechnik-Branche beheimatet und in dem sowohl geforscht als auch gelehrt wird.
  • Der nanoTruck: auch Nachts eine "leuchtende" Erscheinung.
  • Volles Haus im nanoTruck. Die BMBF-Initiative zur Nanotechnologie konnte an diesem Abend über 2.600 neugierige Besucher freuen.
  • Prof. Dr. Christoph Alexiou, der Inhaber des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Nanomedizin, informierte im Rahmen des nanoTruck-Expertengesprächs über seine Forschungsarbeit.
  • Die Veranstaltung im Hörsaal lockte rund 80 interessierte Zuhörer an.
  • Egal ob Studium oder Ausbildung – die Gesprächspartner konnten darüber berichten, dass viele berufliche Wege in die Nanotechnologie führen.
  • Auch im Obergeschoss des nanoTrucks herrschte zeitweise "Stau".
  • nanoTruck-Wissenschaftler Marco Kollecker sorgte mit der Demonstration des Lotuseffekts für Staunen...
  • ... der Ketchup-Tropfen gleitet dabei spurlos herunter.
  • Das gute, wenn auch kühle Wetter trug seinen Teil zu einer gelungenen Wissenschaftsnacht in Erlangen bei.